16 Jun

Erfahrungsbericht Rückschulung 6

Nachdem ich erstaunt feststellte, dass meine Tochter alle Situationen, in denen Geschicklichkeit und Genauigkeit gefragt waren, mit der linken Hand machte, stand für mich fest, dass sie auf keinen Fall mit rechts schreiben sollte, so wie ich es noch musste. Also forschte ich nach Material, las die Bücher von Frau Dr. Sattler und war geschockt, weil so viel auf mich zutraf.

Obwohl ich schon vielfach psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen hatte, fühlte ich mich erleichtert, eine Begründung für viele Schwierigkeiten zu finden.

Nach meiner Testung auf Linkshändigkeit begann ich bei Frau Kahle in Lübeck mit der Rückschulung.
In dieser Phase fühlte ich mich sehr labil, hatte Schwindelgefühle und war nicht belastbar. Ich konnte mich schlecht konzentrieren, mir Ruhe zu gönnen, fiel mir immer noch schwer und ich litt unter starken Gemütsschwankungen.

Mein Leben hatte ich mir so eingerichtet, dass genügend Raum für die Rückschulung war.

Nachdem ich die Rückschulung vor vier Jahren beendet hatte, stellte sich eine Verbesserung der Beschwerden ein. Ich konnte private Veränderungen besser verarbeiten, war fröhlicher und ausgeglichener und habe oft gesagt, dass ich mir wie neu geboren vorkam.

Ein innerer Zusammenhang war plötzlich da.
Ich konnte besser aussprechen, was ich dachte und meine Gefühle anderen zeigen, hatte weniger Blackouts, weniger inneren Druck, der mich zu zerreißen schien. Ich fühlte mich spürbar entlastet.

Im Alter von 22 Jahren hatte ich im Studium einen Engel aus Glas gegossen, der von der Last seiner Flügel erdrückt wurde. Ich wollte immer fliegen, aber die Flügel waren schwer wie Blei.
Nun mit Mitte Dreißig fing ich an, mir stärker zu vertrauen, meine Träume umzusetzen, als Künstlerin zu arbeiten und auf meine Ausbildung als Diplomdesignerin an einer Kunstschule stolz zu sein.
Ich organisierte Ausstellungen und präsentierte mich öffentlich. Das Reden vor Publikum erforderte einen weiteren Lernprozess. Ich hatte unglaublich große Angst davor und in Situationen, in denen ich mich unter Druck fühle, sind die alten Muster von vor der Umschulung wieder da. Mit Hilfe von Stichpunkten auf einem Blatt kann ich Blackouts umgehen und den roten Faden behalten. Trotzdem ist es immer noch eine Herausforderung für mich.

Auch nach langer Beendigung der Rückschulung bilden sich Umschulungsfolgen zurück.
Es ist ein Prozess, der längere Zeit braucht.

Für mich war es die richtige Entscheidung.

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