16 Jun

Erfahrungsbericht Rückschulung 2

Persönlicher Erfahrungsbericht zu Beginn, während und am Ende meiner Rückschulung von Oktober 2008 bis Ende 2011.

Ich bin Jahrgang 1954 und ich bin als Linkshänderin geboren .

Meine Mutter hat mir dieses immer wieder erzählt: „Ja, ich weiß es noch genau, Du nahmst die Kreide für die Schiefertafel und Deine Buntstifte immer in die linke Hand.“

Laut Schulordnung war es in den 60 er Jahren verboten, mit der linken Hand zu schreiben.

Daher schulte man mich auf das Schreiben mit der rechten Hand um.

Heute weiß man, dass so ein Umschulen der Händigkeit der Schreibhand auf die nicht dominante Hand vergleichbar ist mit einem unblutigen Eingriff ins Gehirn.

Es stellt eine enorme Verletzung des jungen Menschen dar, der sich in so einem jungen Alter nicht wehren kann, der sich nicht austauschen oder mitteilen kann über seine Missgeschicke und Schwierigkeiten in der Schule.

Ich hatte in meinem Leben immer wieder damit zu tun, mich nicht OK zu fühlen.

Meinen Selbstwert konnte ich nicht spüren. Beim kleinsten Anlass bröselte er förmlich wie ein gesprengter Turm in sich zusammen.

Mehrere Körpertherapeuten hatten mir empfohlen, mich auf meine dominante linke Schreibhand zurückzuschulen. Aber ich zögerte. Wie ging denn so etwas, und wer begleitete und unterstützte mich auf meinem Weg.

Dann im Herbst 2008 hatte ich bzgl. des Themas Linkshändigkeit ein tiefgehendes AHA-Erlebnis auf einem Seminar und mir wurde klar, dass ich in die Handlung kommen musste, wenn ich meine Lebensqualität erhöhen wollte.

Neugierig und nun hoch motiviert schaute ich ins Internet zu den Begriffen von Linkshändigkeit , Umschulung und Rückschulung. Es gab nun Betreuung auf diesem ganz persönlichen Weg, welch ein Glück, welch einSegen..!

Ich hatte das Gefühl,dass jetzt ein geeigneter Zeitpunkt wäre, eine Rückschulung auf meine dominante linke Schreib-Hand anzugehen, sie zu beginnen.
Viele Male vorher hatte ich einen Anlauf unternommen, aber dann doch einen Rückzieher gemacht, weil mir die Unterstützung, die Begleitung dabei fehlte.

Übers Internet suchte ich mir eine kompetente Begleitung und fand diese in der Psychologin Martina Neumann, die selbst auch eine umgeschulte Linkshänderin ist und Menschen bei der Rückschulung auf ihre dominante Schreibhand begleitet.

Frau Neumann meinte, es wäre gut, wenn ich einmal nach Berlin käme, um in direktem Augenkontakt miteinander zu sprechen und um einander kennen zu lernen.
Aber aus diversen privaten Gründen meinerseits es kam nicht dazu.

Mit Frau Neumann telefonierte ich nun einmal die Woche nach Berlin..
Ich fühlte mich stark, die Rückschulung so mit kompetenter Begleitung durchzuführen.
Die richtige Schreibhaltung hatte ich mir schon angeeignet und einen Füller für Linkshänder schon stolz erworben.

Nun konnte es im Oktober 2008 losgehen. Ich war bereit.!

Frau Neumann ermutigte mich, jeden Tag meine Schwung- und Spurübungen mit der linken Hand zu machen. Aber nicht zu lange Zeit, sondern mich in den Minuten allmählich steigernd.

Während dieser entspannenden Übungen spurte ich mit der linken Hand mit einem Bleistift ganz bestimmten, aufgezeichneten Figuren nach, was dabei half, die rechte und die linke Gehirnhälfte miteinander zu verbinden.
In diese Phase der Rückschulung ist es eine ganz wichtige Übung. Und ich genoss diese in vollen Zügen..!!

Ja, ich juchzte förmlich innerlich vor Glück, wenn ich mit der linken Hand spurte. Das war für mich der Beweis, dass ich auf dem für mich richtigen Weg war.

Martina Neumann empfahl mir, mir vormittags im Büro nicht zuviel aufzubürden und mich am Nachmittag möglichst zu entspannen, auch evtl. bei einem Besuch in einer Salz-Oase oder Sauna.

Während dieser frühen Zeit meiner Rückschulung mit Frau Neumann kamen die unterschiedlichsten Gefühle in mir hoch und ich drückte meine Gefühle in dieser nachstehenden Prosa aus.

Es war eine Mischung aus Erleichterung, aus Wut aus endloser Anstrengung, die immer noch in den Knochen saß, aus Traurigkeit, AlleinSein und aus Glücksgefühl, wenn ich an die Zukunft dachte.:

Umgeschulte Linkshänderin in der Rückschulung auf die dominante linke Schreibhand.

Ich bin verwirrt
Mein altes Leben beginnt auseinander zu driften
Und das Neue lässt noch auf sich warten.
Das alte funktioniert nicht mehr,
ich funktioniere nicht mehr,
ich falle und falle..
wohin.?
Keiner kann es mir sagen.

Vertrauen, Vertrauen
In das , was DA ist.
Liebevolle, anteilnehmende und beruhigende Begleitung ist da,
das tröstet mich.
Es ist nichts mehr so wie früher,
aber ich will es so,
denn so mit SelbstwertLeid
will ich nicht weiterleben.

Nein, dieses Leben mit angezogener Handbremse
ist nicht meins.

Ich wage den Sprung
und vertraue dem Netz,
das sich auftun wird.

Meine rechte, dominante Gehirnhälfte freut sich darauf, mehr
gefordert zu sein,
meine linke Gehirnhälfte sehnt sich nach Erholung.

Ich will leben.
1 Jahr kann es dauern,
der Prozeß.

Ich möchte SEIN, die ich bin,
denn das Leben ist schön.
La vita è bella.
Und ich will es auskosten.
Ich habe der Welt was zu geben,
gerade ich als Linkshänderin.

26.11.2008

Und meinen Inneren Zensor schrieb ich auch gleich meine Meinung :

Der Innere Zensor

…hat genug gewütet in mir.
Ich mach nicht mehr mit.
„Du hast keine Chance mehr bei mir“, will ich zu ihm sagen. “Scher’ Dich zum Teufel, geh’ zum Deifi. Hau ab , Du hast Dein Pulver verschossen. Ich brauche Dich nicht mehr. Wofür brauchte ich Dich eigentlich..??“

Ich folge dem Augenblick und werde still.
Es ist doch mein Leben.

„Nein, mein lieber, Du hast ausgedient, hast Deine Pflicht getan. Ich kann jetzt selbst für mich sorgen, brauche Deine Ermahnungen und Deine Kritik und Dein Dich einmischen in meine Gedanken nicht mehr.!!
Innerer Zensor : Du kannst gehen…ich gebe Dich frei…

27.11.2008

Frau Neumann erinnerte mich immer wieder, viele Pausen am Tag zu machen. Und öfters Entspannendes zu tun, um die rechten Gehirnhälfte nicht zu überstrapazieren. Ich musste mich zu diesen Auszeiten zwingen.
Ein gutes Gewissen wollte dabei nicht entstehen. Meine Leistung reichte dem inneren Zensor nicht.

Das nächste wichtige Thema für mich während der Rückschulung war:
Oute ich mich oder nicht. ?
Denn nach den wochenlangen Spur- und Schwungübungen, und Buchstaben-Übungen eines Erstklässlers durfte ich allmählich beginnen, eine kurze Zeit am Tag mit der linken Hand zu schreiben.

Klar, dass diese neue Handschrift so aussah, als hätte ich gerade einen Schlaganfall überstanden. Mir war es peinlich, so zu schreiben, aber es half nix::
Ich wollte mich mit der linken Hand schreibend ausdrücken, so wie ich bei meiner Geburt geplant war.
Einigen Briefempfängern erklärte ich den Grund für meine neue unregelmäßige Handschrift.

Eine von meinen Masken konnte ich nun abnehmen::
Die Maske, dass ich unbedingt einen guten Eindruck machen sollte und gut sein wollte.

Es fühle sich an, wie ein Verlust von Punkten auf der gesellschaftlich sozialen Skala. Das machte mich anfangs sehr traurig.
Dann wurde es aber wichtiger, mir selbst, der Linkshänderin, näher zu kommen.

In meinem Kopf entstand der alte Wirrwarr , den ich schon einmal kennen gelernt hatte als junges schulpflichtiges Wesen.
Dieser Wirrwarr machte mir Angst.
Frau Neumann erzählte ich davon. Sie beruhigte mich und meinte, das liege während einer Rückschulung im normalen Bereich. Auch, beruhigte Sie mich, als ich ihr andeutete, dass ich das Gefühl hätte, ein weißes Blatt vor meinen Augen zu haben und nichts mehr zu wissen. Dieses sei alles ganz normal und sei Teil des Prozesses der Rückschulung.

Sie sagte, ich sollte mich so oft, wie es ginge, entspannen, Weniger wäre in meiner Situation Mehr.
Ich befolgte so gut es ging Frau Neumanns Empfehlungen.
Ihre Ermutigungen taten mir gut.
Ich begann, mich zu akzeptieren, so wie ich bin.
Ich lernte in dieser Zeit, mich zu beschützen und auch NEIN zu sagen, weil es ein JA für mich war.

Diese Art der Neugeburt geschah um meinen 55.Geburtstag herum. So langsam entwickelte ich Stolz für meinen Mut, mein bisheriges Leben total umzukrempeln und noch einmal einen ganz anderen Lebensgeschmack kennen lernen zu wollen….
…mit mehr Leichtigkeit
mehr Selbstakzeptanz
mehr Selbstwertgefühl
mehr Vertrauen
mehr Selbst-Liebe
mehr Liebe zu Allem.

Nach Fünfmonatiger Begleitung durch Frau Martina Neumann entschied ich mich, meine Rückschulung allein, ohne Betreuung, weiterzumachen und glaubte, ich wäre über den Berg. Aber das war wohl ein Fehler.

Die Wichtigkeit meiner Rückschulung geriet etwas ins Hintertreffen. Ich schrieb mal mit der rechten, mal mit der linken Hand.

Das änderte sich als ich Claudia Winter kennen lernte.
Über Xing fragte mich Frau Winter damals, ob ich ihr einen Therapeuten empfehlen könnte, der in Lübeck die Rückschulung auf die dominante linke Schreibhand begleiten würde.

Ich nannte ihr die Ergotherapeutin Sigrid Kahle, von der ich wusste, dass sie Menschen bei der Rückschulung auf die dominante linke Hand begleitete. Ich war aber bisher nicht zu ihr gegangen.

Frau Winter nahm meine Empfehlung an und berichtete mir via Email, wie gut ihr die Begleitung durch Frau Kahle täte und wie strukturiert sie dabei vorginge. Ich war erstaunt über diese Informationen und merkte, dass ich das in meiner augenblicklichen Situation dringend benötigte: Struktur.
So setzte ich nach fast 2 Jahren Unterbrechung, Anfang 2011 bei Sigrid Kahle meine Rückschulung fort; vielleicht kann man auch sagen, ich begann die Rückschulung in 2011 ein zweites Mal mit sehr viel mehr Struktur.
Frau Kahle war nicht gerade erbaut darüber, wo ich in meinem Leben gerade feststeckte.
Sie war in meiner Situation der rettende Rückschul-Engel für mich.
Sie passte- vergleichbar mit einer Anwältin- darauf auf, dass ich meinen roten Lebensfaden nicht verlor.

Der Händigkeits-Test, den sie gleich zu Anfang mit mir machte, ergab ganz eindeutig:
Ich bin eine Linkshänderin.!

Mit so einem Test, Methodik Barbara Sattler, beginnt bei Sigrid Kahle jede Rückschulung.

Dann erstellte ich mit Frau Kahles Hilfe einen Wochenplan mit möglichst viel Freizeit für mich darin vereinbar mit den augenblicklichen beruflichen und privaten Verpflichtungen.

Dieser Wochenplan war Gold für mich. Er unterstützte mich bei meinen beruflichen Zielen und half mir, diese nicht aus den Augen zu verlieren, am Ball zu bleiben. Unsere wöchentlichen Gespräche waren wie ein Spiegel für mich, um besser zu erkennen :
Was ist mir in meiner jetzigen Lebenssituation wirklich wichtig und wo will ich hin.

So kam es, dass ich in 2011 mein drittes Buch veröffentlichen konnte:
Das Hörbuch Die drei Reisen zum Inneren Kind.
Ich war ganz allein die Autorin. Darauf war ich mächtig stolz.

Außerdem fand ich den Mut, meine Dienste in der Seniorenassistenz anzubieten. Nun wurde mein Leben rund.

Bei all meinen persönlichen Entwicklungen begleitete mich Frau Kahle mit einfühlsamem Mitgefühl, mit Lob und Verständnis und mit lösungsorientierten pragmatischen Denkanstössen, so ganz ohne Druck.

Frau Kahle war auf diesen anfänglichen zaghaften neuen, beruflichen Schritten wie eine Sparrings- Partnerin für mich, Sie ermutigte mich, bestärkte mich, und wir probten beruflicherseits Szenen gemeinsam.

Nun, nach einem Jahr der Begleitung in der Rückschulung durch Sigrid Kahle, kann ich sagen, dass ich sehr glücklich darüber bin, wie sich mein Leben seitdem entwickelt hat und wie ich mich entwickelt habe:

Ich kann es so formulieren:

Ich sitze selbst am Steuer meines Lebens.
Das Gefühl der angezogenen Handbremse ist komplett weg.

Ich schreibe nur mit links, und meine Handschrift mit links gefällt mir. Sie ähnelt inzwischen meiner damaligen Handschrift mit rechts.

Ich habe Vertrauen zu mir und zum Leben, und ich kenne meinen Selbst-Wert.

Ich bin stolz auf mich, dass ich mich mit 55 Jahren entschieden habe, mich auf die dominante linke Schreibhand zurückzuschulen.

Ich gebe mir somit die Möglichkeit, mein Leben mit meiner dominanten rechten Gehirn-Hälfte auszudrücken und meine Kreativität als Linkshänderin zu leben.

ICH BIN OK, SO WIE ICH BIN.

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