16 Jun

Erfahrungsbericht Rückschulung 1

„Ihr Sohn ist vermutlich Linkshänder.“

Damit begann der Weg zu meiner eigenen Händigkeit. Ich ließ meinen Sohn bei Frau Kahle testen.

An einem der letzten Termine trafen wir einen Erwachsenen „Rückschüler“ und kamen mit ihm ins Gespräch.

„Wie haben Sie denn gemerkt, dass Sie Linkshänder sind?“, fragte ich.
„Ich konnte immer sehr logisch denken, aber mit dem Auswendig lernen hatte ich es nie. Ich war immer sehr vergeßlich und hatte manchmal das Gefühl, einen Knoten im Kopf zu haben“, kam als Antwort.
„Ist das nicht normal? Das habe ich auch alles.“

Während ich diesen Satz sagte, kam Frau Kahle, um meinen Sohn zu holen.

Spontan vereinbarten einen Termin für meine eigene Testung. Währenddessen hatte ich zwei Schlüsselmomente: Mein mit links gemaltes Bild war schöner als das mit rechts. Zugegebenermaßen bin ich auch mit rechts – obwohl mein ganzes Leben lang geübt – keine Künstlerin, aber das Ergebnis erstaunte mich sehr.

Als ich einen Text abschreiben musste konnte ich, während ich mit links schrieb, die Zeile halten, mir mehrere Wörter merken, den Text verstehen, und mich nebenher auch noch unterhalten. Das alles ging nicht, als ich den gleichen Text zuvor mit der rechten Hand geschrieben hatte.

Inzwischen schreibe ich seit einigen Wochen mit der linken Hand. Mir ist nicht mehr schlecht und auch nicht mehr schwindelig, egal, wie viel ich an einem Tag schreibe. Meine Schrift ist zwar objektiv betrachtet nicht unbedingt schön, aber sie ist vom Gefühl her schon jetzt mehr meine.

Der Knoten im Kopf wird merklich weniger, ich kann mich besser artikulieren. Das mit dem Auswendiglernen habe ich allerdings noch nicht probiert.

Alles in allem bin ich erstaunt, wie schnell es ging, bis ich wieder einen Stift in die Hand nehmen durfte und wie unkompliziert es war die linke Hand langsam zum Leben zu erwecken.

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